Katholische Opposition: Jerzy Popiełuszko

Autodiebe, Pilzplünderer, schlampige Arbeiter, ungebildet…
Die Reihe der noch heute, noch jetzt unter keineswegs Ungebildeten grassierenden Vorurteile gegen Polen läßt sich sicher noch fortsetzen.

Nachdem ich in einer Diskussion derartige Vorurteile von explizit atheistischer Seite präsentiert bekam und sie von explizit christlicher Seite verteidigt wurden, habe ich mich entschlossen, auf diesen explizit katholischen Seiten ab und zu etwas über Polen zu veröffentlichen.

Jerzy_Popieluszko

Heute gedenkt die Kirche eines Märtyrers, der in der kommunistischen Ära ermordet wurde. Der Priester Jerzy Popiełuszko wurde vor 31 Jahren vom polnischen Geheimdienst niedergeknüppelt und mit Steinen beschwert im Weichsel-Stausee ertränkt, weil er die Warschauer Stahlarbeiter und die Solidarność mit Gebet und Tat unterstützt hatte. Daß die Täter ermittelt und bestraft wurden, gilt als einer der dicksten Sargnägel für ein tyrannisches Regime.

Der polnische Germanist und Philosoph Karol Sauerland veröffentlichte 2008 seine Tagebucheinträge über Popieluszko aus dem Jahr 1984. Dort heißt es über eine Messe Ende April:

Etwa 30000 waren gekommen. Gleich zu Beginn erinnerte Popiełuszko an Seweryn Jaworski, der nun schon das dritte Jahr ohne Prozess im Gefängnis sitzt. – Immer wieder wurden die Hände zum V-Zeichen erhoben, und ich dachte an Jaruzelskis Spruch, dass diese Finger abgehackt gehören. – Popiełuszko erinnerte mich natürlich an mein Verhör, und dann sah ich einen Mann in der Menge, der meinem Vernehmer absolut ähnlich war, was mich beunruhigte. Am Ende forderte Popiełuszko die Gläubigen auf, am 1. Mai um zehn Uhr zur Messe zu Ehren der Arbeiter zu erscheinen, d.h. im Augenblick, wo die offizielle Demonstration beginnt.

Popiełuszko wußte, wie gefährlich er lebte. Kurz vor seiner Ermordung war er bereits zwei Anschlägen entkommen. Ohnedies war jedem denkenden Polen klar, welche Gefahren oppositionelle Arbeit barg. Die Möglichkeit, zu einem Studienaufenthalt nach Rom zu gehen, hatte er ausgeschlagen – er wollte in Polen bleiben. Er hatte Angst, aber er blieb.

Anläßlich seiner Seligsprechung sagte der Priester und Dozent Józef Niewiadomski in einer Predigt (deren Lektüre ich dringend empfehle):

In seiner Todesstunde ist er umringt von sadistischen Funktionären der Geheimpolizei – im Augenblick des Todes ist er jedoch allein! Allein auch mit dem in ihm aufkommenden Hass? Hass auf jene, die das Leben unzähliger Menschen auf dem Gewissen hatten? Hass auf jene, die nun sein Leben im 37ten Lebensjahr brutalst beendeten? Das wissen wir nicht. Die letzten Worte, die er in der Öffentlichkeit beim Abschied in Bromberg gesprochen hat, lauteten: “Beten wir, dass wir frei werden von der Angst, vor allem aber frei vom Wunsch nach Rache und Vergeltung.” – Er meinte also, frei von Hass. In den letzten Wochen seines Lebens, als die Verfolgung immer brutaler wurde und ihm auch längst klar war, dass er jederzeit mit dem Tod rechnen musste, verabschiedete er sich öfters – vor allem von den Ordensschwestern – mit der Bitte: “Beten Sie, dass ich in der Stunde des Todes nicht allein bin!” War nun das in den Fluten der Weichsel ertrinkende Opfer in seiner Sterbestunde allein, oder wurde er aufgefangen von jenem, der in seinem eigenen Tod scheinbar auch in die Bodenlosigkeit der Gottverlassenheit stürzte, der aber noch beten konnte: “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!” – Sind sie doch selber nicht das Böse, sondern nur die Opfer des Bösen?

Nach seiner Seligsprechung sagte Papst Benedikt XVI. über ihn:

Er hat seinen großherzigen und mutigen Dienst an der Seite all derer versehen, die sich für die Freiheit, die Verteidigung des Lebens und dessen Würde einsetzten. Dieses Werk im Dienst des Guten und der Wahrheit war für das Regime, das damals in Polen an der Regierung war, ein Zeichen des Widerspruches. Die Liebe des Herzens Christi hat ihn dazu geführt, sein Leben hinzugeben, und sein Zeugnis ist Samenkorn eines neuen Frühlings in der Kirche und in der Gesellschaft gewesen.

Der von Józef Niewiadomski sehr gelobte Film Popieluszko. Wolnosc jest w nas – Die Freiheit ist in uns selber ist als DVD erhältlich – auch mit englischen, italienischen oder spanischen Untertiteln; ob auf Deutsch, weiß ich nicht.

Christen vom Format des Seligen Jerzy Popiełuszko, die Angst und aufkommenden Hass im Gebet überwinden, sind auch in unseren Tagen bitter nötig. Auf seine Fürsprache gebe Gott uns Mut und Ausdauer.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Katholische Opposition: Jerzy Popiełuszko

  1. Sarah schreibt:

    Vielen Dank für die schöne Reihe über Polen und besonders für diesen Beitrag über Jerzy Popieluszko. Ich selbst verdanke Polen sehr viel. Ich schreibe ja eine Dissertation über Jasna Góra. Mein Glaube wurde stark geprägt durch die Beschäftigung mit der Geschichte Polens im 20. Jahrhundert.

    Letztes Jahr, zum 30. Todestag, habe ich auch etwas über Popieluszko gepostet.
    http://der-helle-berg.blogspot.de/2014/10/jerzy-popieluszko.html

    Den Film „Wolnosc jest w nas“ habe ich auf DVD, auf polnisch mit polnischen Untertiteln. Der Film ist wirklich sehr gut. Ich wollte ihn gerne im Internet mit englischen Untertiteln bestellen, um ihn auch meinen Freunden zeigen zu können (die können ja kein Polnisch). Aber ich hatte den Eindruck, den englischen Film kann man nur in den USA bestellen. Und die DVDs aus den USA sind mit eurpäischen Laufwerken nicht kompatibel. Jedenfalls habe ich das so verstanden.
    Auf Deutsch gibt es den Film, soweit ich weiß, nicht.

    Vielleicht erleben wir bald schon die Heiligsprechung Popieluszkos.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Willkommen auf diesen Seiten, Sarah, und Dank für den Kommentar.
      Dein Beitrag gefällt mir sehr! Leider kann ich kein Polnisch, hoffentlich kommt der Film irgendwann doch auf Englisch oder Deutsch in erreichbare Nähe und kompatibles Format.

  2. Remus schreibt:

    „Sargnägel für das tyrannische Regime“ soll das wohl heißen.

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