Ein Papst aus dem Ostblock

Autodiebe, Pilzplünderer, schlampige Arbeiter, ungebildet…
Die Reihe der noch heute, noch jetzt unter keineswegs Ungebildeten grassierenden Vorurteile gegen Polen läßt sich sicher noch fortsetzen.

Nachdem ich in einer Diskussion derartige Vorurteile von explizit atheistischer Seite präsentiert bekam und sie von explizit christlicher Seite verteidigt wurden, habe ich mich entschlossen, auf diesen explizit katholischen Seiten ab und zu etwas über Polen zu veröffentlichen.

JohannesPaul-II_ZbigniewKotyłło

Johannes Paul II, Portrait von Zbigniew Kotyłło

Heute gedenkt die Kirche des Heiligen Johannes Paul II., jenes Papstes, der von seinem Nachfolger Benedikt XVI. selig und von dessen Nachfolger Franziskus heiliggesprochen wurde.

Er kannte Leid und Verfolgung. Als Achtjähriger verlor Karol Wojtyła die Mutter, vier Jahre später seinen ihm sehr nahestehenden älteren Bruder.

Unter deutscher Besatzung wurde die Theatergruppe, in der er mitwirkte, verboten, bestand aber im Untergrund weiter und schrieb die Mysterienspiele Jeremia und Im Laden des Goldschmieds.
Die polnischen Universitäten wurden von den Nazis geschlossen, viele Professoren deportiert und ermordet. Das hinderte ihn nicht, an der im Untergrund fortbestehenden Universität sein Studium der Philosophie und der Polnischen Literatur fortzusetzen, bis er zur Zwangsarbeit in einem Steinbruch herangezogen wurde.

1942, im Jahr nach dem Tod seines Vaters, wurde er Zwangsarbeiter in einer Chemiefabrik – für ihn die einzige Möglichkeit, der Deportation nach Deutschland zu entgehen. Im Oktober desselben Jahres trat er ins geheime Priesterseminar der Erzdiözese Krakau ein – das heißt, er war bis zum August 1944 gleichzeitig Zwangsarbeiter und im Verborgenen Seminarist. (Wie ein Mensch nach elend langem Zwangsarbeitstag auch noch eine so schwierige Ausbildung unter erschwerten Bedingungen schaffen kann, und zwar nicht nur so lala, weiß wohl nur Gott.)

Das Kriegsende brachte Polen nicht die Befreiung, sondern eine andere Form der Zwangsherrschaft. Die Kirche, die für Karol Wojtyła und unzählige andere Polen von Kindheit an geistige Heimat war, wurde unterdrückt. Die Priesterweihe 1946 mußte im Geheimen vollzogen werden.

1978 wurde Karol Wojtyła mit überwältigender Mehrheit zum Nachfolger Petri gewählt. Seit 1523 hatten nur Italiener dies Amt innegehabt – und einen slawischen Papst hatte es noch nie gegeben. Der für italienische Ohren sonderbare Name Wojtyła war für die auf dem Petersplatz wartende Menge nicht ohne Schockwirkung. Aber seine große Sprachbegabung und sein Charme siegten, als er von der Loggia in perfektem Italienisch sprach:

Ich komme aus einem fernen Land. Falls ich Fehler machen sollte, müsst ihr mich verbessern.

Über sein langes und an Prüfungen reiches Leben ist viel geschrieben worden, besser und informierter, als ich es kann. Sogar einen Rosenzüchter hat er inspiriert: eine weiße Rose trägt seinen Namen.

Rose_PopeJohnPaul_II

Aber in der vielen Literatur kommt eines nicht vor, das mich besonders berührt hat. Denn an einem Mittwoch vor vielen Jahren, auf dem Petersplatz, hat er mir die Hand gegeben. Mir, der damals noch reichlich sechzigerjahregeschädigten Neukatholikin, die ihm so skeptisch gegenüberstand und an diesem Tag mit all den vielen auf dem Petersplatz stand und Viva Papa! rief.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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