Wie war das gleich mit dem Untergang des Abendlandes?

Man hört es ja jetzt allenthalben: „islamisiert“ werde Deutschland (Österreich, Schweiz und das ganze übrige christliche Abendland dazu), die Scharia werde etabliert, die Schulen, und denkt denn überhaupt jemand an die Kinder…
Es ist ein Kreuz.

Ein Blick auf Wikipedia (googelt selber!) verrät:

61% aller Einwohner Deutschlands sind Christen.
Die Zahl der Muslime wird je nach Quelle auf knapp 2 bis 4,5 Mio. geschätzt, was 2,4 bis 5,5% der Gesamtbevölkerung entspricht.
Alle anderen Religionsgemeinschaften zusammen stellen knapp 1% der Bevölkerung in Deutschland, davon 270.000 Buddhisten, 200.000 Juden, 120.000 Hindus, 60.000 Jesiden, 5.000 bis 10.000 Sikhs und 6.000 Bahai.
Etwa 34% der Menschen in Deutschland sind konfessionslos.

Die Zahl der Muslime in Deutschland beträgt also zur Zeit nach höchster Schätzung ein gutes Sechstel der Anzahl Konfessionsloser. Zugleich gibt es elf Mal so viele Christen wie Muslime.

Aber es gibt nicht einmal doppelt so viele Christen wie Konfessionslose. Über ein Drittel aller Einwohner sind keine Christen.

Ich habe keine Sympathie für den Islam. Wer mir Sympathien für IS, Boko Haram und ähnlich monströse Banden unterstellt (alles schon dagewesen), ist nicht satisfaktionsfähig, sondern ein Fall für dringende Fürbitte. Mir sind die Gefahren durch Vögel wie Pierre Vogel durchaus bekannt. Auch weiß ich, daß es in Flüchtlingslagern schlimmste Übergriffe von Moslems gegen Christen gibt. Aber ich halte derzeit die Gefahr, die von den abstrusen Ideen von Pegida, Neonazis und Konsorten für Deutschland ausgeht, für erheblich größer. Eine weitere Gefahr sehe ich in der weiter um sich greifenden mutwilligen Bildungsverweigerung (ich spreche hier von Erwachsenen, nicht von Kindern). Die Hauptschuld am Verfall dessen, was vom christlichen Abendland in Deutschland noch zu retten wäre, trägt aber die Mehrheit der Christen in Deutschland.

Ihr wollt ein starkes Christentum? Geht sonntags in die Kirche! Wenn es geht, auch alltags! Empfangt die Sakramente! Lernt! Betet! Lernt und betet noch mehr! Fastet! (Jetzt, spätestens jetzt, schießt einigen das Wort Fanatiker durch den Kopf.) Gebt Almosen! Helft! Liebt! Dann klappt’s auch mit dem Christentum.

Sollte Deutschland oder gleich das ganze Abendland (Deutschland ist mit ihm nicht identisch, obwohl manch ein AfDler oder Pegidaler das wohl gerne hätte) „islamisiert“ werden, so liegt das nicht daran, daß es zu viele Moslems gibt, sondern daran, daß es zu wenige Christen gibt.

Neulich wurde auf einer Demonstration der AfD in Erfurt ein Transparent getragen, das für den Kampf gegen die befürchtete Islamisierung die Unterstützung der Gottesmutter erbat (übrigens in einem doofen Knüttelvers). Wenn ich mit der AfD sprechen würde (tu ich aber nicht, die halte ich nämlich auch nicht für satisfaktionsfähig), dann hätte ich einen schöneren Vorschlag gehabt.

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Übersetzung: Ich bete zum Kreuz im Altarraum, daß wir frei werden von Pegida!
(Wörtlich „daß wir befreit werden“, aber das läßt sich nicht unmißverständlich ins Deutsche übertragen.)

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu Wie war das gleich mit dem Untergang des Abendlandes?

  1. Saxhida schreibt:

    Ein sehr interessanter Text.

  2. Wolfram schreibt:

    Ich würde statt crucem Christum setzen (den Lebendigen, kein totes Holz) – aber das bleibt auf Detailebene.

    Die Statistik ist dehnbar – beispielsweise bin ich im Zweifel, ob die Mitglieder der nicht-KÖR-Kirchen berücksichtigt sind; andererseits sind nicht alle Kirchenmitglieder gläubig und somit Christen. Auch das führt aber nicht zum Widerspruch zur Aussage deines Beitrags, der ich ausdrücklich zustimme.

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