Guardini hat Recht.

Das ist zwar nichts Neues, aber immer wieder bemerkenswert. Einiges hat prophetische Züge.

Es kann sehr hochmütig und töricht sein, das Wort von den „armen Heiden“, wie es so manchmal gesprochen wird – wobei dann der Redende sich als reich und rechtgläubig empfindet, und sich wundert, wie es so Unsinniges geben könnte! Im Wesen des Menschen muß etwas sein – und im Wesen der Dinge auch, ja im Wesen des Religiösen selbst -, was sehr wohl möglich macht, daß der fromme Mensch zu „Göttern“ gelange. Und eine besondere Verführung geht sogar davon aus, denn bestimmte religiöse Möglichkeiten öffnen sich da… Wir werden gut tun, das nicht allzu überlegen von uns zu werfen, denn welche Sicherheit haben wir, daß Europa nicht einmal wieder bei „Göttern“ anlange? Wenn die freilich auch anders aussehen würden, als jene der Griechen oder der Germanen.

Das Gebet des Herrn (1932)

Ich denke nicht vorrangig an die üble Zeit, die dem Erscheinen jenes Buches so bald folgte und deren „Götter“ solches Grauen brachten. Die Götter, die heute beschworen werden, auch unter Christen, sind zahlreich. Auf Anhieb fallen mir ein: die Toleranz gegenüber allem, außer dem Andersdenkenden, und die Wertschätzung, die so gut klingt und in Wirklichkeit eine Meile unter der Liebe steht und sie ersetzen will. Es gibt aber noch jede Menge andere moderne Götzen.

Jetzt [d.h. im Mündigwerden] entsteht das, was man „den Mann“ nennt, „die Frau“. Die charaktervolle männliche und weibliche Persönlichkeit, auf die das Leben sich verlassen kann, weil sie aus der Unmittelbarkeit der Impulse und dem Fließen der Gefühle in das durchgedrungen ist, was gilt und dauert. Es gehört zu den gefährlichen Symptomen unserer Zeit, daß ihr Bild schwächer zu werden scheint.
Hiermit hängt auch zusammen, daß die Familie zerfällt. Um wirklich Vater, wirklich Mutter zu sein, genügt es nicht, zeugen und gebären zu können. Dazu gehört die innere Festigkeit, die stille Kraft des Ordnens, Festhaltens, Forführens, auf der sich aufbaut, was Familie und Heim heißt. Darum kann ja von überall her die öffentliche Gewalt in diesen Urbereich hineingreifen, weil jene, welche die Familie tragen, weithin keine wirklichen Männer und Frauen sind; auch gar nicht den Willen haben, es zu werden.

Die Lebensalter (1953)

Das verträgt sich sehr mit meiner unsäglich altmodischen Bejahung der Humanbiologie. Ja, es gibt Männer und Frauen. Schon Loriot wußte das. Heute gerät es langsam in Vergessenheit.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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