Bedingungsloses Grundeinkommen

Josef Bordat veröffentlichte diesen Artikel als Gastkommentar zu seinen theoretischen und praktischen Erwägungen zum Grundeinkommen.

Es wird nie wieder ausreichend bezahlte Arbeit für alle Arbeitsfähigen geben.
Es wird immer mehr als genug Arbeit für alle geben.

Gleich ob die Welt immer ungerechter, ärmer und kränker wird, oder ob sie (man wird ja noch träumen dürfen) sich morgen auf den Weg zu Gerechtigkeit und bescheidenem Wohlstand für alle macht – ausreichend bezahlte Arbeit für jeden arbeitsfähigen Menschen wird es niemals mehr geben. Aber zu tun, zu arbeiten, wird es immer geben, deshalb, weil jeder Mensch durch sein bloßes Dasein Arbeit notwendig macht. Eltern werden das sofort bestätigen, aber ganz buchstäblich macht jeder Mensch Arbeit, auch ein gesunder, kräftiger, arbeitsfähiger, auch wenn er ganz bescheiden lebt – weil das bloße Leben eines sozialen Wesens die Arbeit mehrerer Artgenossen erfordert. Säße ich jetzt nicht bei elektrischem Licht am Computer, sondern bei Kerzenschein in meiner stromlosen Blockhütte und schriebe dies mit der Hand, so wäre doch Arbeit nötig, mich mit Papier und Tinte und Kerzen zu versorgen, jemand hätte die Hütte und den Tisch und den Stuhl gezimmert, von den vielen Dingen, die nötig sind, um einfach nur zu überleben, ganz zu schweigen.

Die meisten Arbeiten, die unser Leben ermöglichen, prägen und verschönern, werden nicht oder nur sehr schlecht bezahlt. Die Arbeit, aus einem neugeborenen Bündelchen Mensch einen möglichst verträglichen, lebensfähigen Erwachsenen zu machen, ist wohl das größte Beispiel, aber bei weitem nicht das einzige. Notwendige Lohnarbeiten werden oft sehr schlecht bezahlt, und die Arbeitsplätze sind ständig in Gefahr. Das macht sie aber nicht weniger wichtig.

Grundsätzlich wohnt Menschen der Wunsch nach Tätigkeit inne, nach Arbeit irgendeiner Art. Wirkliche Faulpelze sind eher die Ausnahme als die Regel. Menschen können durch unmenschliche Arbeitsverhältnisse oder auch durch immer neue Ablehnung von Bewerbungen den Mut zur Arbeit verlieren, können depressiv werden. Aber zunächst einmal will fast jeder Mensch tätig sein.

Deshalb glaube ich nicht, daß ein bedingungsloses Grundeinkommen Faulheit und Sucht fördert. Im Gegenteil halte ich es für wahrscheinlich, daß Menschen mit einer Grundsicherung (und ohne ständige Amtsrennerei) eher Mut und Kraft finden, ihr Leben sinnvoll zu gestalten – und dazu gehört auch: eine ihnen entsprechende Arbeit zu finden.

Das Grundeinkommen müßte hoch genug sein, um davon ohne brutale Einschränkungen leben zu können – also eindeutig höher als Hartz IV. Es müßte ermöglichen, ohne zusätzliche Erwerbsarbeit auch damit zu leben, daß Dinge nicht ewig halten. Es müßte keinen großen Luxus ermöglichen, aber doch hoch genug sein, daß Erwerbslosigkeit kein Abgleiten in immer größere Armut bedeutet.

Die Frage wird oft gestellt, wer denn dann noch die Dreckarbeit macht. Nun, wenn ich ein Auskommen habe, das mir ein bescheidenes Leben ermöglicht, aber gerne außerdem ins Ausland reisen und Konzerte besuchen möchte, dann bin ich auf Erwerbsarbeit angewiesen. Wenn man dazu vier Stunden am Tag putzen muß – warum nicht?

Die von André Gorz vorgeschlagene extreme Arbeitszeitverkürzung auf tausend Jahresstunden wird für zahlreiche Berufe nicht sinnvoll sein. Forscher und Lehrer müssen weiterhin viel mehr arbeiten, wenn Forschung und Ausbildung nicht stocken sollen. In Krankenhäusern und Pflegeheimen würde ein sechsfacher Schichtwechsel zu übergroßem Arbeitsaufwand (Übergabe) und zu Unruhe führen; man kommt hier wohl kaum um den 8-Stunden-Tag herum, könnte aber mit einem 1000-Stunden-Jahr zu einer der körperlichen und geistigen Erschöpfung durch die Arbeit angemessenen Urlaubsregelung kommen.
Auch muß ein Chirurg ebenso wie ein Handwerker in Übung bleiben, wenn er gut bleiben soll. Künstlerische Berufe – Musiker, Artisten, Tänzer etc. – sind ebenfalls nicht möglich mit kurzer Arbeitszeit, wegen der ständig notwendigen Übung. In der Landwirtschaft schließlich wird es nie ohne erheblich weniger als vierzig Wochenstunden gehen, und auch hier wäre ein häufiger Schichtwechsel eher eine Behinderung (ein Punkt, bei dem man merkt, daß Thomas Morus eine eher romantische Vorstellung vom Landleben hatte).
Ob die Polizei und die Staatsanwaltschaft noch effektiv ermitteln könnten mit einem Vierstundentag, ist mir ebenfalls zweifelhaft.

Die Arbeitsstellen, bei denen mir ein Vierstundentag unmittelbar als äußerst segensreich einleuchtet, sind alle, die mit Fließbandarbeit zu tun haben, sowie Bus- und Bahnfahrer, Putzfrauen und -männer und Verkäufer, besonders die an der Kasse von Supermärkten. (Sicher gibt es noch viele andere.) Durch die Grundsicherung wäre niemand mehr gezwungen, sich in ein und demselben öden Job kaputtzuschuften.

Ein Problem ergibt sich aus der Raffgier zahlreicher Arbeitgeber. Wenn z.B. eine Verkäuferin im Supermarkt Grundsicherung bekommt, ist der Arbeitgeber sicher davor, daß sie an der Kasse vor Hunger zusammenbricht – auch wenn sie nur drei Euro in der Stunde bekommt. Zwar würde diese Form der Ausbeutung durch die Grundsicherung eingedämmt – allzu viele Menschen würden sich auf so hahnebüchene Arbeitsverhältnisse ohne Not nicht mehr einlassen, aber doch einige. Eine gesetzliche Verankerung von fairen Mindestlöhnen scheint mir daher in Verbindung mit der Grundsicherung wichtig.

Eine Grundsicherung von Geburt bis Tod – in den ersten Lebensjahren in geringerer Höhe, ab Volljährigkeit in voller Höhe – macht viele Leistungen überflüssig. Arbeitslosengeld müßte es nicht mehr geben, Sozialrente auch nicht (natürlich wäre die durch Erwerbsarbeit fällige Rente unangetastet), Kindergeld auch nicht. Das würde einen Wust von Bürokratie einsparen.

Heute gibt es zahlreiche junge Paare, die gerne Kinder hätten, aber als Arbeitslose oder in unsicheren und schlecht bezahlten Stellungen keinen Mut zur Familiengründung finden. Andere Paare hätten gerne mehr Zeit für ihre Kinder, aber wenn nicht beide Eltern arbeiten, so können auch nicht alle Kinder eine gute Ausbildung bekommen. Mit einem Grundeinkommen wären auch diese Probleme schlagartig gelöst. (Daß es immer Eltern geben wird, die sich aus anderen als finanziellen Gründen nicht genug Zeit für ihre Kinder nehmen, ist ein anderes Problem; ich behaupte nicht, daß ein Grundeinkommen allen Schwierigkeiten ein Ende macht.)

Grundeinkommen gäbe vielen Menschen die Ruhe, wichtige unbezahlte Arbeit zu tun. Viel mehr könnte auf der Basis von Gegenseitigkeit und Solidarität geleistet werden. Die Tauschringe könnten stärker genutzt werden; hier wäre auch darüber nachzudenken, ob man nicht in Tauschringen erbrachte professionelle Leistung bis zu einem gewissen Grade zulassen sollte (bislang ist das aus steuerlichen Gründen nicht legal).

Ein gewichtiges Argument gegen die Bedingungslosigkeit ist der Reichtum einiger. Es gibt deshalb Überlegungen, das Grundeinkommen nur bis zu einer bestimmten Einkommensgrenze zu zahlen. Das aber zöge wieder einen Rattenschwanz an Bürokratie nach sich. Ich halte es für besser, das Grundeinkommen wirklich bedingungslos zu zahlen. Eine Möglichkeit wäre allerdings der freiwillige, widerrufliche Verzicht auf Grundeinkommen. Wenn es gelänge, hierfür Anreize zu schaffen durch besondere gesellschaftliche Anerkennung (die Upper Class trägt ja gern Orden), könnte man vielleicht die Zahlungen an Leute, die wahrlich ohne Grundeinkommen schon übergenug haben, eindämmen. Aber selbst wenn das nicht gelänge – so schrecklich viele Superreiche sind es ja gar nicht.

© Claudia Sperlich