Watson, mein Lieber…

Meine Praxis war mir stets mehr gewesen als ein bloßer Gelderwerb; Kranken nach bestem Wissen und Gewissen zu helfen, hatte mich mit Dankbarkeit und Freude erfüllt. Als ich mich im Jahre 1922 endlich aus dem Arbeitsleben weitgehend zurückzog, tat ich das in einer schwer beschreibbaren Mischung aus Erleichterung und Wehmut. Daß mich noch heute, ein Dutzend Jahre später, leidende Menschen aufsuchen, rührt mich jedesmal – auch wenn ich die meisten zu meinem Praxisnachfolger schicke.

Aber in den letzten Jahren gewann die teils wehmütige, teils frohe Erinnerung an ganz andere als medizinische Abenteuer die Überhand. Kein Tag verging, an dem ich nicht an jenen Freund dachte, der mein Leben jahrzehntelang begleitete, bereicherte und oft genug umkrempelte – den ich als ehrgeizigen und genialen Chemiestudenten kennenlernte, den ich einst als Toten betrauerte, der so unvermutet und höchst lebendig wieder erschien und der als schon reifer Mann kurz vor dem europäischen Krieg seinem Land einen so bedeutenden Dienst erwies.

Warum wir uns später aus den Augen verloren, wußte ich nicht – zum Teil war es den Wirren der kriegerischen Zeit geschuldet, zum Teil der Konzentration auf meine Arbeit und meine Familie, aber den Hauptgrund vermutete ich in Holmes‘ Person, ohne ihn mir genauer erklären zu können. Einige Male hatte ich ihm geschrieben, aber seine Antworten waren knapp und blieben schließlich aus.

Als im Januar 1934 mein Telephon klingelte, rechnete ich mit einem verspäteten Neujahrsgruß irgendeines weitläufigen Bekannten und fürchtete insgeheim ein Lamento wegen übermäßigen Alkoholgenusses zu Neujahr oder wegen der bösen Zeitläufte. Ich wappnete mich mit Geduld…

„Watson am Apparat.“

„Watson, mein Lieber, bitte bleib wo du bist. Wenn es dir recht ist, bin ich in einer Stunde bei dir. Wenn nicht, auch – ich muß dich sehen.“

Die Stimme war unzweifelhaft gealtert – genau wie meine eigene. Aber der Tonfall war unverkennbar.

„Holmes! Natürlich ist es mir recht – aber sag – arbeitest du noch? Oder wieder? Wie geht es dir überhaupt? Was machst du?“

Das vertraute tiefe Lachen hatte er sich bewahrt. „Genau darauf will ich dir gerne antworten – aber nicht am Telephon. Ich bin unterwegs.“

Ich brachte es noch fertig, Edith – dem Hausmädchen – Anweisungen für den Teetisch zu geben und mich zu rasieren und anzukleiden (denn ich habe mir nach dem Tod meiner lieben Frau angewöhnt, vormittags stundenlang im Morgenrock am Fenster zu sitzen und zu lesen).

Nach unfaßbar kurzer Zeit (in Wahrheit wohl wirklich eine Stunde nach dem Anruf) schrillte die Türglocke. Ich hörte Edith zur Tür hasten und schüchtern grüßen. Kurz darauf sah ich ihn. Ich erschrak; er war noch hagerer als in den härtesten Zeiten, die wir gemeinsam erlebt hatten, war weißhaarig und trug eine Starbrille. Aber dahinter blitzten seine grauen Augen unvermindert lebhaft, und er schritt noch immer rüstig aus, als er auf mich zueilte.

„Holmes…“

„Watson…“

Er umarmte mich, strahlte über sein ganzes eingefallenes Gesicht – und ich brach plötzlich in Tränen aus. Holmes nötigte mich auf einen Stuhl, setzte sich ebenfalls und goß erst mir und dann sich selbst Tee ein.

„Watson, mein Lieber, das erste Mal, als ich versucht habe, dich zu umarmen, hast du das Bewußtsein verloren. Jetzt weinst du. Das ist immerhin ein kleiner Fortschritt.“

Ich wischte mir über die Augen und schluckte.

„Holmes… damals war ich sicher, du seist tot, diesmal hatte ich es nur für möglich gehalten. Wo warst du die ganze Zeit? Wie hast du gelebt?“

Holmes wurde ernst. „Watson, ich stehe in deiner Schuld. Meine Gründe, dir nicht zu schreiben, waren in den letzten Jahren viel schlechter als damals nach der Sache mit Moriarty.“

Er goß sich nochmals Tee ein und trank gierig.

„Du weißt, mit welchen Argumenten ich mir selbst immer wieder Cocain und Morphium zugestanden habe. Du weißt hoffentlich auch, daß es dir zu verdanken ist, wenn ich mich mit dieser Gewohnheit nicht völlig zugrundegerichtet habe.“

Ich nickte langsam. Ja, das wußte ich – aber mir war nicht klar gewesen, daß mein Freund es ebenso gut wußte.

„Im Krieg wurde ich rückfällig. Ich habe zeitweise die Spritze mehrmals täglich benutzt und mit Substanzen eigener Herstellung experimentiert, bis ich Realität und Halluzination nicht mehr unterscheiden konnte. Damals lebte Mrs Hudson noch, du erinnerst dich ja wohl an sie.“

Ich nickte. Die freundliche, energische und Holmes mit mütterlicher Liebe zugeneigte Haushälterin war mir immer höchst sympathisch gewesen, und ich glaube, in ihrer unauffälligen Art hat sie meinem Freund die Familie ersetzt und die Ordnung in seinem schwierigen Leben wenigstens ansatzweise aufrechterhalten.

„Du bist doch aber nach Sussex gezogen“, fiel mir ein.

„Ja, die Bienengeschichte. Faszinierende Wesen sind das – aber schließlich bekam ich sie doch über. Sie sind so phantasielos. Und Sussex ist so friedlich, daß es mir fast körperlich weh tat.

Ich zog also wieder in die Baker Street; Mycroft hatte die Wohnung für mich gehalten, da er der Meinung war, ich dürfe diese Möglichkeit nicht aufgeben. Die gute Hudson war aus dem Häuschen vor Freude, als ich die Wohnung wieder mit Beschlag belegte – und mir war klar, daß ich diese Freude nicht eigentlich verdient hatte.“

Holmes seufzte. „Die arme Frau. Ich fürchte, ich habe ihre Nerven in ganz unzulässiger Weise strapaziert. Sie hat in jenen Zeiten dafür gesorgt, daß ich wenigstens gelegentlich etwas aß, und sie war nie länger als eine Stunde beleidigt, wenn ich wieder über die Stränge geschlagen hatte und ihr unfreundlich begegnet war.

Ich fing mich selbst wieder, als irgendeine entfernte Verwandte von Mrs. Hudson ein kleines Problem hatte. Es war zwar in weniger als drei Tagen gelöst, aber ich war in dieser Zeit nüchtern und blieb es dann für einige Monate – wenigstens meistens.

Dann starb Mrs Hudson, friedlich in ihrem Bett, mit einem Lächeln auf den Lippen. Ich hatte ihr tags zuvor noch etwas auf der Geige vorgespielt. Als das Testament eröffnet wurde, stellte ich fest, daß sie mich zum Alleinerben eingesetzt hatte. Ich bin also Eigentümer der Baker Street 221B, abgesehen davon hat sie eine hübsche kleine Summe hinterlassen – sie war ja immer sehr sparsam gewesen, und ich hatte meine Miete auch in den schlimmsten Zeiten stets pünktlich gezahlt.“

Er schwieg und senkte schuldbewußt den Blick.

„Nein, habe ich nicht“, berichtigte er. „Mycroft hat. Ich habe ihm nach der Moriarty-Sache Vollmacht über meine Konten erteilt und das niemals rückgängig gemacht. Ohne ihn wäre ich damals verloren gewesen.

Mrs Hudson starb also. Ich blieb in der Baker Street. Gelegentlich übernahm ich Fälle, aber ich schien irgendwie aus der Mode gekommen zu sein. Ja, Watson, aus der Mode! Die Welt vertraut nicht mehr so auf die Arbeit des Einzelnen, uhrwerkartige Zusammenarbeit ist gefragt.

Es wurde wieder schlimmer mit den Drogen. Meine Experimente führten mich mehrmals an den Rand des Todes. Zwischendurch schrieb und musizierte ich wie wild, Musik wurde mehr und mehr ein Lebenselixier für mich, und eine Monographie über den kulturellen Wandel durch das Telephon entstand.“

Ich blickte auf. „Um ehrlich zu sein, das habe ich nicht mitbekommen. Dabei klingt das hochinteressant.“

Holmes lächelte breit und sarkastisch. „Es ist vermutlich das am wenigsten gelesene Buch der Welt, noch vor der Monographie über Tabakasche. Aber es hat mich über Stunden und Tage von den Drogen ferngehalten.

Doch dann starb auch Mycroft. Vor knapp zehn Jahren.“

Mein Freund verbarg das Gesicht in den Händen. Er wirkte, als sei sein Bruder erst gestern gestorben.

„Holmes“, murmelte ich bestürzt, „das tut mir sehr leid.“

Er reichte mir über den Teetisch hinweg die Hand. Ich spürte, das sie zitterte.

„Danke, Watson. Er hatte ein schwaches Herz – und, nun ja, er war drei Jahre älter als ich.

Ich habe mich daraufhin wieder ganz in meine Giftküche zurückgezogen. Vor mir selbst habe ich den Vorwand aufgebaut, über synthetische Drogen zu forschen. Aber vieles von dem, was ich in jener Zeit geschrieben habe, kann ich selbst nicht lesen – unter Drogeneinfluß schien mir mein Gekrakel Schrift, aber nüchtern war es nicht entzifferbar.

Mit zweiundsechzig Jahren hatte ich unter einer meiner Mixturen ein Erlebnis, das mich fast wahnsinnig machte. Und diesmal war kein treuer Watson in meiner Nähe, der mich aus den Angstträumen reißen konnte.

Ich weiß nicht, wie ich die folgenden Tage überlebt habe. Als ich wieder bei mir war, begriff ich die Notwendigkeit einer Entziehungskur. Ein Jahr lang war ich in einem Sanatorium in der Schweiz – übrigens nicht allzu weit vom Reichenbachfall. Mehr als einmal war ich kurz davor, mich dort von der Brücke zu stürzen – ich habe Moriarty in jener Zeit manchmal beneidet.“

Wieder schwieg er beschämt, und diesmal griff ich nach seiner Hand.

„Holmes, ich bin unsäglich froh, daß du das nicht getan hast.“

„Watson!“

Da war wieder seine impulsive Art, meinen Namen auszurufen – die mir so vertraute, so liebgewordene Form der Herzlichkeit meines kühl und unnahbar wirkenden Freundes.

„Ich wurde schließlich geheilt – aber nicht von meiner Angst, dir wieder gegenüberzutreten. Ich habe mich geschämt, Watson, und ich fürchte, aus Scham habe ich mehr falsch gemacht als vorher.“

„Wie meinst du das?“

„Ich war feige – zu feige, meinem einen, großen, wunderbaren, treuen Freund zu sagen, daß ich noch auf der Welt bin.

Bis gestern.

Gestern hatte ich einen meiner selten gewordenen kleinen Aufträge zu erledigen. Offengestanden, eine törichte Kleinigkeit, die Leute vom Schlage Lestrades ebenso gelöst hätten, aber mir eine willkommene Ablenkung.

Mein Weg hatte mich nach Soho geführt, wo ich einem dummen jungen Menschen klarmachte, daß er sich selbst mit der Herausgabe eines gestohlenen Gegenstandes den größten Gefallen erweist. Auf dem Rückweg kam ich an einer heruntergekommenen kleinen Apotheke vorbei und sah vor ihr eine ungepflegte junge Frau, die in mir allzu vertrauter Weise mit zwei Fingern ihre Armbeuge schlug.

Ich bin dann in großer Eile zu meinem Klienten gefahren, habe ihm sein Eigentum ausgehändigt, seinen Dank und mein Honorar kassiert und ein Taxi in die Baker Street genommen.

In meiner Schublade lag immer noch das dir bekannte Lederfutteral mit der Spritze. Ich hatte sie zwar seit dem Sanatorium nicht mehr benutzt, aber nie das Herz gehabt, mich von ihr zu trennen. Ich steckte sie zu mir, machte einen kleinen Spaziergang zur Westminster Bridge und warf sie in die Themse.“

Holmes‘ Bericht hatte mir zahlreiche gemeinsame Abenteuer wieder vor Augen geführt. Sein furchtbarer Zustand nach Inhalation einer fremdartigen Droge war mir noch völlig gegenwärtig, und auch die Mischung aus Zorn und Sorge, die ich damals empfunden hatte. Ich hatte nie die Angst verloren, Holmes könne sich durch seinen leichtfertigen Umgang mit sich ins Grab oder (was mir fast schlimmer schien) ins Irrenhaus bringen. Nun saß er vor mir mit einem von gnadenloser Ausbeutung seiner selbst ausgemergelten Körper, aber in altgewohnter geistiger Frische und mit einer neu gewonnenen Sanftheit und Ehrlichkeit, und ich fühlte mich verjüngt vor Erleichterung.

„Holmes, du ahnst nicht, wie glücklich ich bin.

Bei mir hat sich auch einiges verändert, aber nicht in derart dramatischer Weise. Ich bin…“

Er hob seine magere, knotig gewordene Hand und lächelte spitzbübisch.

„Darf ich?

Nach dem Tod deiner zweiten Frau – Watson, verzeih mir, daß ich das so nachlässig sage, es tut mir leid, dir damals vor – warte, vor sechs Jahren und drei Monaten – nicht einmal geschrieben zu haben! – also, danach bist du zwölf Wochen lang auf dem Kontinent gewesen. Paris hat es dir besonders angetan. Wieder zu Hause, hattest du einen Unfall mit dem Fahrrad, was dich zum Glück nicht mehr als die Beweglichkeit des linken kleinen Fingers gekostet hat. Du bist immer noch gerne unter Leuten, hast ein Abonnement im Royal Opera House und hältst dich über die neuesten Erkenntnisse der Medizin auf dem Laufenden. Außerdem hast du das Rauchen stark eingeschränkt, bist aber nicht gesonnen, es aufzugeben. Ach ja, und Edith ist Linkshänderin, liest Groschenhefte und hat irische Vorfahren.“

„Ich frage gar nicht, woher du das alles weißt. Es stimmt, bis aufs I-Tüpfelchen, und es beweist mir, daß du noch der Alte bist.“

Wieder, Watson, nicht noch. Übrigens sehe ich, daß du darauf brennst, zu wissen, wie ich das wieder herausgefunden habe!

Du hast damals eine Todesanzeige in die Zeitung gesetzt, die mir zeigte, daß du deine zweite Frau nicht weniger innig geliebt hast als deine erste, und es hat mir fast das Herz gebrochen, daß ich dir zweifachem Witwer nicht schreiben konnte. Hätte ich es getan!“

Ich unterbrach ihn.

„Holmes, bitte, mach dir keine Vorwürfe. Deine Seele war zu krank, und laß dir von einem Arzt sagen, eine kranke Seele ist nicht weniger hinderlich als ein kranker Körper.“

„Watson, du bist und bleibst der beste Mensch, den ich kenne.

Aber weiter. Ich hatte mir kurz nach dem Begräbnis doch ein Herz gefaßt und wollte dich besuchen, fand aber die Fensterläden geschlossen und die Stufen zum Eingang ungefegt. Es war also deutlich, daß du längere Zeit außer Haus warst. In einem nahen Kaffeehaus fragte ich nach Dr. Watson und erfuhr, du seist für einige Wochen nach Europa gefahren. Da sowohl der Wirt als auch einige Stammgäste mit deinem Namen und deiner Kontinentalreise offensichtlich vertraut waren, schloß ich, du habest dich keineswegs von der Welt abgeschlossen. Ich sah in der nächsten Zeit noch einige Male nach, und ich bemerkte auch, daß du wieder daheim warst – aber da war wieder die alte Angst und Scham, und ich kehrte um, ohne dich gesehen zu haben.

Der Fahrradunfall war in einem Boulevardblatt unter ‚Vermischtes‘ erwähnt, zwar ohne Nennung deines Namens, aber die Überschrift ‚Londoner Arzt vom Fahrrad gestürzt‘ ließ mich aufmerken. Boulevardblätter sind doch eine unschätzbare Quelle, wenn es um die scheinbar unwichtigen, in Wahrheit oft so bedeutenden Dinge geht! Ich erfuhr aus dem Artikel auch das Alter des Verunglückten und daß sich der Unfall nicht weit von hier ereignet hatte. Wieder wollte ich dich besuchen, war in Sorge um dein Wohlergehen, und ich sah dich mit dick verbundener linker Hand aus dem Haus treten. Du bist damals zu deinem Praxisnachfolger gegangen. Und wieder war da meine törichte Angst vor einer Begegnung. Ich ging also zum zweiten Mal in meinem Leben zum Arzt – wegen der Augen hatte ich mich schon vor Jahren einer kleinen Behandlung unterzogen – und ließ mir überflüssigerweise Herz und Lunge abhorchen. Immerhin weiß ich jetzt, daß dein Kollege keinen Schimmer von meiner ungesunden Vergangenheit hat; du solltest ihm etwas mehr Pflege der Beobachtungsgabe nahelegen. Ich war mit voller Absicht etwas umständlich und lenkte den guten Mann ab, und es gelang mir, in seinem Karteikasten zu stöbern. Ich war danach beruhigt, daß deine Hand in keiner ernsten Gefahr war, und benutzte dies Wissen mir selbst gegenüber als Ausrede, dich nicht zu besuchen.

Daß der Finger steif geblieben ist, habe ich bemerkt, als du vorhin mit beiden Händen über den Tisch weg nach meinen gegriffen hast.

Die Abonnementkarte für die nächste Vorstellung liegt auf der Anrichte im Flur, es wird die Tosca gegeben, übrigens in einer hervorragenden Inszenierung – ich war neulich dort. Im Lancet hast du vorhin noch gelesen, es liegt aufgeschlagen auf dem Rauchertisch, neben dem kleinen Eiffelturm aus Porzellan – dem einzigen sichtbaren Zeichen deiner Kontinentalreise. Daneben liegt eine Schachtel Zigaretten, noch unangebrochen, und der Tabakgeruch im Hause ist viel schwächer als früher.

Edith hat mir Hut und Mantel mit der Linken abgenommen. Sie rollt das r und hat wirklich bemerkenswert rotes Haar. Übrigens trägt sie ein kleines Keltenkreuz um den Hals. Aus ihrer Schürzentasche ragt eine Ecke des neuesten Groschenromans. Nimm ihr das nicht übel, sie ist ein ordentliches und freundliches Mädchen.“

„Mein alter Holmes. Ich bin so froh, daß dein Geist offenbar unbeschadet durch diese schwere Zeit gekommen ist.“

Holmes seufzte tief auf. „Wenn er es denn wäre. Watson, das war einfach. Ich fürchte, Alter und Leichtsinn haben durchaus ihren Tribut gefordert; einen Fall von der Komplexität wie der im Tal der Angst – wie du es melodramatischerweise nanntest – übersteigt heute wohl meine Fähigkeiten. Abgesehen davon kann ich nicht mehr schnell laufen, über Mauern flanken und auf Dachfirsten balancieren, was mit über achtzig Jahren zwar nicht ungewöhnlich, aber trotzdem bedauerlich ist.

Andererseits glaube ich, über einiges heute mehr zu wissen als in meiner ungestümen Jugend. Der Blick nach Europa zeigt…“

Er unterbrach sich. „Nein, höre. Ich will nicht den Frieden dieses Hauses stören. Laß uns ein wenig hinausgehen.“

Eine Weile gingen wir schweigend durch den feuchtkalten Nachmittag. Dann begann Holmes wieder:

„Watson, vor uns liegt eine schreckliche Zeit, deren Ende wir wohl nicht erleben werden. Dummheit und Wahn machen sich breit auf dem Kontinent, und es wird in den nächsten Jahren zu unfaßbaren Verbrechen kommen. Moriarty scheint mir angesichts der europäischen Situation wie ein ungezogener Junge, der seine Familie mit häßlichen Streichen terrorisiert.

Watson, ich habe Angst. Ich weiß, daß ich kein Recht habe, irgendetwas von dir zu verlangen, aber ich bitte dich, überdenke noch einmal, was wir als junge Leute so einmütig über uns fremde Kulturen gesagt haben. Ich glaube heute, meine damals so genial wirkenden Schlußfolgerungen waren zum Teil nur zufällig richtig geraten. Denn Vorurteile gegen das Fremde verfestigen sich deshalb so leicht, weil sie hie und da scheinbar bestätigt werden.

Wir hören, die Neger seien von minderer Intelligenz und größerer Grobheit als die Europäer (und zumal die Briten). Dann begegnen wir ein einziges Mal einem törichten und grobschlächtigen Neger, und schon glauben wir, unsere nicht minder törichten und grobschlächtigen Vorurteile wissenschaftlich untermauert zu sehen.
Und weil es so schön in unser Bild von unserer Überlegenheit paßt, geben wir flugs noch anderen Völkern und Kulturen einen grausamen und primitiven Anstrich und suchen verzweifelt nach empirischer Untermauerung dieser Vorurteile.

Du entsinnst dich, daß ich mehr als einmal Menschen nicht der Polizei ausgeliefert habe, weil ich der Meinung war, sie seien auf eine vor Gericht nicht haltbare Weise im Recht. Auch war ich jedesmal der Überzeugung, daß sie keine Wiederholungstäter würden – und da ich auf meine Weise in all diesen Fällen mein Augenmerk auf ihnen behielt, auch wenn sie es nicht wußten, weiß ich heute, daß ich hier Recht behalten habe.

Warum nun soll das nur bei hellhäutigen Europäern möglich sein?

Watson, ich bitte dich, laß dich von dem kommenden Haß und Fanatismus nicht umgarnen. Es wird furchtbar werden – die Bosheit greift um sich, und die Menschen, die sich ihr entgegenstellen, haben sehr wenig Macht.

Mein Lieber, bitte – versprich mir – wenn ich dich das bitten darf – du hast immer an die Gerechtigkeit und Güte geglaubt, tu es auch weiter. Ich kann es nicht mehr, meine Angst ist zu groß – aber die Welt braucht Menschen, die es können – die es tun. Sonst haben Gerechtigkeit und Güte gar keine Freunde mehr.“

Wieder schwiegen wir eine Weile. Ich ließ die Worte meines Freundes in mein Herz fallen. Während unserer langen gemeinsamen Zeit hatte er drei oder vier Mal gestanden, sich geirrt zu haben – und daraus entstandene Fehler jedes Mal rechtzeitig berichtigt. So hatte es ausgesehen, aber was er nun über unserer beider Befangenheit erklärte, leuchtete mir ein.

„Holmes“, sagte ich bestimmt, „du machst dich viel schlechter als du bist. Das ist nicht weniger verkehrt als das Gegenteil – wie mir vorzeiten ein guter Freund erklärt hat.“

Er lachte leise. „Schön, daß du meine Weisheit so freundlich in Erinnerung behalten hast. Aber ich fürchte, sie ist auf mich nicht ganz anwendbar. Immerhin bin ich, wie mir vorzeiten ein guter Freund erklärt hat, ein Ausnahmefall.“

Wir waren wieder an meinem Haus angekommen, und ich bat Holmes, zum Abendessen zu bleiben. Edith schien bezüglich meines mageren Gastes ähnlich wie ich zu empfinden und tischte sehr reichlich auf.

Wir sehen uns seither wieder fast täglich. Denn wir wissen nicht, wie viel Zeit uns beiden alten Männern noch bleibt, und wir wollen keinen Tag unserer Freundschaft mehr versäumen.

Diese Freundschaft war immer mit Arbeit verbunden ist es geblieben. Zwar findet unsere Arbeit heute in dem äußerlich ruhigeren Rahmen von Vorträgen und Diskussionen statt und ist kaum mit größeren Gefahren als tumulthaftem Niederschreien oder spöttischen Bemerkungen in der Presse verbunden (wenn auch Holmes neulich meinte, ein an den Kopf geworfener Pflasterstein sei in unserem Alter ebenso gefährlich wie eine Kugel, und er wolle bei engstirnigen Heißspornen unter unseren Hörern für nichts garantieren). Jedoch sind wir beide – ja, auch Holmes – voll Hoffnung, daß unsere Worte wenigstens einige Menschen erreichen. Missionarische Postulierung kann die Ungleichheit der Menschen ebenso behaupten wie ihre Gleichheit; allein durch die Kunst der Deduktion wird die allgemeine Gleichheit an Rechten und Pflichten aller erkennbar.

Die Wolken, die über Europa aufziehen, können wir nicht vertreiben, aber mit gemeinsamen Kräften können wir vielleicht hier und dort Menschen vor ihnen schützen.

© Claudia Sperlich

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