Tuider und Timmermanns erklären den Sex

Das Buch Sexualpädagogik der Vielfalt. Praxismethoden zu Identitäten, Beziehungen, Körper und Prävention für Schule und Jugendarbeit, Juventa Verlag 2008 von Stefan Timmermanns und Elisabeth Tuider wird zur Zeit kontrovers diskutiert, wobei leider beide Seiten vieles ohne Beleg behaupten. Das ist schade, denn ein Verriß geht mit beweisbaren Zitaten sehr viel besser.

Es lohnt, die detailreiche Aufgabe auf S. 75 zu lesen; sie wird auf vielen Internetseiten genannt und verrissen, aber ohne Zitat. Das hatte zur Folge, daß unter den Verfechtern dieses Buches die Verschwörungstheorie entstand, jene Aufgabe stehe gar nicht in dem Buch, sondern sei von Frau Tuiders Gegnern frei erfunden. Die Aufgabe ist für Jugendliche ab 15 Jahren gedacht und erfordert 60 Minuten Unterrichtszeit. Hier das Zitat.

… Die Jugendlichen bekommen die Aufgabe, den bereits bestehenden Puff in einer Großstadt zu modernisieren. Der Grundriss ist vorgegeben und kann nicht erweitert werden. Es besteht aus statischen Gründen auch nicht die Möglichkeit, den Innenbereich inklusive Wände zu verändern. Ihre Aufgabe ist es nun aber – im Zuge der Modernisierung – einen „Puff für alle“ bzw. eine „Freudenhaus der sexuellen Lebenslust“ zu kreieren. Die Jugendlichen bekommen vier Fragenkomplexe, die entweder in einer kleineren Gesamtgruppe nacheinander oder in vier Kleingruppen parallel bearbeitet werden sollen:

1. Welches „inhaltliche“ Angebot muss der neue „Puff für alle“ bereithalten? Welche sexuellen Vorlieben müssen in den Räumen wie bedient und wie angesprochen werden?
2. Welche Innenraum-Gestaltung braucht es in den verschiedenen Räumen des Puffs? Für welche Personengruppen braucht es welche Voraussetzungen, damit sie in den Puff kommen können? Wie muss der Puff von außen gestaltet sein, damit er von allen möglichen Menschen aufgesucht werden kann und aufgesucht werden möchte?
3. Wer muss in diesem neuen Puff arbeiten? Welche Fähig- und Fertigkeiten brauchen die dort Arbeitenden damit alle möglichen Menschen bedient und zufrieden gestellt werden können? Was müssen die Menschen dort verdienen?
4. Wie muss eine Werbung für einen solchen Puff aussehen? Wie können alle möglichen Menschen gleichermaßen angesprochen werden? Wie sehen die Hinweise auf die Preisliste aus?

Die Präsentation im Plenum umfasst zwei Phasen (wenn zuvor in Kleingruppen gearbeitet wurde):

1. Vorstellen der Überlegungen und Skizzen aus den vier Gruppen zu den verschiedenen Fragen
2. Gemeinsame Überlegungen, welche sexuellen Vorlieben bzw. welche Lebensformen und Menschen vergessen oder nicht berücksichtigt worden sind. Es wird auch darüber diskutiert, warum ggf. einige Menschen nicht berücksichtigt wurden, ebenso wie es aus Gründen gesellschaftlicher Moral, Erwartungen und Zuschreibungen angebracht sein kann, einige Menschen auch explizit nicht in einen „Puff für alle“ einzuladen. Falls in der Gesamtgruppe gearbeitet worden ist, macht die Leitung während des Prozesses darauf aufmerksam, dass ggf. bei einer der Aufgaben Personen nicht berücksichtigt werden.

Jugendliche brauchen bei dieser Übung die Ermunterung, Sexualität sehr vielseitig zu denken. Sie müssen eventuell mehrfach darauf hingewiesen werden, dass es sowohl um vielfältige Sexualitäten als auch um verschiedene Lebensweisen und verschiedene sexuelle Praktiken und Präferenzen geht. Es macht also beispielsweise einen Unterschied, einen weißen heterosexuellen Mann in dem neuen Puff bedienen zu wollen oder einen weißen heterosexuellen Mann im Rollstuhl; Ebenso macht es Unterschiede, ein Angebot zu entwickeln für eine Frau mit muslimischer (oder katholischer) Religionszughörigkeit oder eine Trans-Frau, die beide lesbisch sind.

Die Leitung achtet einerseits auf größtmögliche Kreativität und Denkfreiheit hinsichtlich sexueller Vorlieben. Dabei hat sie ihre eigenen Vorstellungen und mögliche Bewertungen reflektiert. Sie weist immer wieder darauf hin, dass es sowohl auf die vielfältigen sexuellen Vorlieben als auch auf persönliche Lebensumstände und Lebensformen ankommt, um den neuen Puff als einen „Puff für alle“ gestalten zu können. Sie ist sensibel für die Auseinandersetzung der Jugendlichen mit „käuflicher Liebe“ und nimmt an dieser Stelle dieser Diskussion die Tiefe, indem sie auf die persönliche Freiheit hinweist, sexuelle Dienste in Anspruch nehmen zu dürfen bzw. diese anzubieten.
Diese Übung birgt viel Spaß und Humor in der Auseinandersetzung mit sexueller Vielfalt, Sie beinhaltet aber auch die Thematisierung der Grenzen der Vielfalt. Beides sollte von der Leitung zugelassen und ermöglicht werden.

Was die Leitung einerseits zu tun hat, geht aus dem Buch hervor. Zu diesem Einerseits gehört, der Diskussion über käufliche sexuelle Dienste die Tiefe zu nehmen durch den Hinweis auf die Legalität von Puffs. Was die Leitung andererseits tun soll, verrät das Buch nicht. Definitiv wird hier Jugendlichen nahegelegt, sich auf die Arbeit als Zuhälter oder Puffmutter vorzubereiten.

Auf S. 83 findet sich dieser Vorschlag zur Unterrichtsgestaltung:

Material:
Viele unterschiedliche Gegenstände, die etwas mit den Themen Sexualität, Liebe, Beziehungen zu tun haben, zum Beispiel: Kondom, Lippenstift, Parfüms, Schnapsflasche, rosa Plüschsofa, Latexhandschuh, rotes Herz, Eheringe, Handschellen, Tampon, Pillenpackung, Duschgel, Seil, Vibrator, Kerze, Gleitmittel, Intimwaschlotion, Massageöl, Kochlöffel, Reizwäsche, Herren-Tanga, Kreuz, Kopftuch, Bibel, Liebesbrief, Handy, kleiner Fernseher oder Fernbedienung, DVD-Hülle, Sonnenöl, Stein, Flugticket, Blumen, Frischhaltefolie, Tennissocke, Pumps, Badewanne, Bett, Taschentücher, Rasierer, Deo, Zahnbürste, Musik-CD, Nagellack, Spiegel, Klopapier, Auto, Teddybär, Lederpeitsche, „Taschenmuschi“, Taschenlampe, Zeitschrift (Bravo, Liebesroman, Playboy …) etc.

Die Gruppe sitzt im Stuhlkreis, in der Mitte liegen die Gegenstände.
Die Teilnehmenden stehen auf und sehen sich die am Boden liegenden Gegenstände in Ruhe an. Dann erhalten sie folgende Aufforderungen:
1. Wähle aus den Gegenständen denjenigen aus, der für dich unbedingt zur Sexualität dazugehört.
2. Wähle auch einen Gegenstand aus, der für dich keinesfalls etwas mit Sexualität zu tun hat.

Peinlichkeitsgrenzen oder Ängstlichkeit müssen respektiert werden.

Peinlichkeitsgrenzen müssen respektiert werden. Und es ist natürlich keinem Kind peinlich, diese Sammlung vor sich zu haben? Und – keiner soll gedrängt werden, steht an anderer Stelle im Buch. Kann sich unter Klassenkameraden jeder ausschließen, ohne von irgendwelchem Gruppenzwang betroffen zu sein? Könnte es eventuell sein, daß christlichen Kindern äußerst unangenehm ist, die Bibel neben Dildos und Handschellen zu sehen? Und warum ist eigentlich kein Koran dabei? Könnte es sein, daß moslemische Kinder – und Eltern – vielleicht noch etwas heftiger reagieren würden, als man das von Christen offenbar erwartet?

In einem Quizspiel (S. 109f.) wird gefragt, was für einen Einfluß auf die Sexualität hat, wenn ein Partner eine schwere geistige Behinderung hat.
Das ist eine zugegeben wichtige Frage für die Betroffenen (also beide Partner, die irgendwie zur Seite stehenden Eltern, Erzieher, Betreuer, Psychologen etc.), und sie muß ernstgenommen werden. Hier aber wird Kindern zugemutet, ein Thema sinnvoll zu behandeln, das qualifizierte und kompetente Psychologen durchaus an ihre Grenzen bringen kann. Welchem Kind nützt es, über psychische, psychosoziale, eventuell auch juristische Aspekte der Sexualität zwischen schwer geistig Behinderten und Gesunden zu reden? Ich gehe davon aus, daß es nicht einmal einem geistig schwerbehinderten Kind nützt – weil es ein Kind und hiermit schlicht überfordert ist.

Auf S. 110 wird gefragt nach dem Einfluß bestimmter Aspekte auf die Gestaltung sexueller Praktiken. Hier sind Kinder überfordert – weil die Gestaltung sexueller Praktiken keine theoretisch zu erfassende Angelegenheit ist, und auch, weil Sex kein Kinderkram ist, sondern eine zumindest in Ansätzen vorhandene geistige Reife und Bereitschaft zur Verantwortlichkeit erfordert, die ein Mensch in der Pubertät noch nicht hat.

Christliche Pädagogen werden auf S. 112 erwähnt – und zwar ausschließlich mit einem Hinweis, daß sie möglicherweise unsachlich und tendenziös unterrichten:

Das Plakat bietet eine gute Gelegenheit, lesbische Lebensweisen zu thematisieren, gerade auch bei Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund. Dies ist nicht einfach, und insbesondere Pädagogen und Pädagoginnen mit christlichem Hintergrund laufen Gefahr, sich auf eine Islam-Diskussion einzulassen, der sie nicht gewachsen sind. Auch wenn sie mehr Wissen darüber hätten, ist zu bedenken, dass die Jugendlichen, mit denen sie diskutieren, gläubige Muslime und Muslimas sind.

Hier werden christliche Lehrer als unfähig und unsachlich dargestellt. Es wird vorausgesetzt, daß sie wahrscheinlich über ein Thema diskutieren, das nicht zum Unterrichtsstoff gehört und von dem sie zu wenig wissen.
Migrationshintergrund wird mit Islam gleichgesetzt. Daß Flüchtlingskinder aus Syrien, dem Irak, Nigeria, dem Iran, Pakistan und vielen anderen Ländern möglicherweise deshalb Flüchtlingskinder sind, weil sie eben keine Muslime sind, wird gar nicht erst angenommen. Rücksicht gegenüber Muslimen wird unbedingt gefordert (zu Recht); Rücksicht gegenüber Christen wird hier und im folgenden Absatz implizit verworfen. (Migrationshintergrund bedeutet die Herkunft der Vorfahren aus einem anderen Land. In Deutschland lebende Kinder agnostischer Österreicher oder buddhistischer Schotten haben einen Migrationshintergrund. Wieviel Generationen seit dem Zuzug der Familie vergangen sein müssen, bis man nicht mehr von Migrationshintergrund spricht, ist ungeklärt. Das Wort wird fast immer als Synonym für aus einem vorwiegend moslemischen Land stammend benutzt. Das ist Unsinn.)

Bei einem Rollenspiel (S. 113), in dem es um Toleranz gegenüber Homosexuellen geht, kommt auch Religion vor (ich zitiere den von Mädchen zu spielenden Absatz, der für Jungen ist analog zu diesem):

Du bist mit einer Freundin unterwegs und siehst zwei Mädchen ein Lesbenplakat an die Wand kleben. Du findest Lesben ekelhaft und mußt unbedingt etwas Fieses zu den beiden Mädchen sagen. So was ist gegen deinen Glauben.

Hier wird Religion ausschließlich erwähnt im Zusammenhang mit Ekel vor anderen Menschen und schlechten Manieren des gläubigen Menschen. Das ist tendenziös und beleidigend gegenüber religiösen Kindern. Es wird damit auch insinuiert, daß religiöse Eltern ihre Kinder schlecht erziehen.
In der Tat gelten in den abrahamitischen Religionen homosexuelle Handlungen für falsch. Allerdings sind christliche und jüdische Eltern (über moslemische Eltern weiß ich zu wenig, um hier eine Aussage machen zu können) in der Regel durchaus darauf bedacht, ihren Kindern anständige Manieren beizubringen – d.h. Menschen, die anders sind als sie selbst, nicht zu verspotten oder zu beschimpfen. Tuider setzt aber voraus, daß religiöse Kinder unfreundlich sind, nicht obwohl, sondern weil sie religiös sind. Das ist eine dummdreiste Unterstellung, die beweist, daß ein Professorentitel wenig über Intelligenz und gar nichts über Anstand sagt.

Auf S. 185 wird Bodypainting angeregt, und zwar u.a. auch auf dem Rücken. Es mag eine witzige und vielleicht sogar sinnvolle Erfahrung sein, einander Arme und Gesicht zu schminken oder zu bemalen (wenn ich das auch eher für einen Kindergeburtstag als für den Schulunterricht für geeignet halte). Wird der Rücken bemalt, läßt sich kaum verhindern, daß der Oberkörper ganz oder zum größten Teil (also auch vorne, nota bene: da, wo Frauen ihre sekundären Geschlechtsmerkmale haben) entblößt wird. Auch wenn diese Übung freiwillig ist und Jungen und Mädchen in getrennten Räumen unterrichtet werden, überschreitet man damit eine Schamgrenze, und zwar auch bei den zuschauenden Schülerinnen. Übrigens hören Jugendliche auf dem Schulhof oder außerhalb der Schule nicht auf, Jugendliche zu sein – es wird bei solchen Unterrichtsmethoden notwendig auch zu Spott und Gehässigkeiten kommen, wenn auch vielleicht nicht sofort. Man muß kein Misanthrop sein, um das zu wissen.

Normativität ist die begründete Meinung, wie etwas sein sollte. Man kann z.B. sagen, intelligente Pädagogen sind normativ – d.h. sie sollten die Regel sein, und das gilt auch dann, wenn sie tatsächlich die Ausnahme sind. Tuider und Timmermanns sprechen von Heteronormativität allerdings in einer Weise, die durchblicken läßt, daß sie sie falsch finden.
Normativität ist oft Gesetzesgrundlage – es ist z.B. normativ, nicht zu töten, deshalb ist es gesetzlich verboten. Sieht man aber Normativität in einem negativen Licht und fordert ausdrücklich auf, sie in Frage zu stellen (wie das Buch es tut), so ergibt sich der Eindruck, als sei es ungewöhnlich oder gar unsinnig, heterosexuell zu sein. Dem widerspricht, daß es verhältnismäßig wenige Homosexuelle und Transsexuelle gibt, und dem widerspricht auch, daß der Mensch grundsätzlich – als Säugetier – auf Zweigeschlechtlichkeit angelegt ist.

Ein immer wieder gehörtes Argument für dies Buch ist, daß Kinder und Jugendliche heute Dank Internet sowieso ständig mit Sex in allen Spielarten konfrontiert sind und Pornos gucken können.
Es ist wahr, daß Kinder an jeder Ecke mit Sex konfrontiert sind, noch stärker als vor dem Internet, obwohl es da durch Fernseh- und Plakatwerbung schon heftig genug war. Aber Sie sind damit konfrontiert ist etwas anderes als die brutale und übergriffige Forderung Sie müssen unbedingt jede Form von Sexualität – auch zwanghafte und gewalttätige Formen – in der Schule thematisieren auf eine Weise, die weit über eine knappe und sachliche Erwähnung und die Aufklärung über Selbstschutz hinausgeht. Nur weil irgendjemand mit irgendetwas ohne sein Zutun konfrontiert ist, muß man ihn nicht mit Details darüber vollquatschen.

Frau Tuider hat mehrfach gesagt, daß sie aufklären und zum Schutz Jugendlicher vor Bloßstellung und Gewalt beitragen will. Ich glaube ihr sogar, daß sie das ernst meint. Ich glaube aber nicht, daß sie das kann.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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3 Antworten zu Tuider und Timmermanns erklären den Sex

  1. meckiheidi schreibt:

    Ganz ganz toll, Hut ab und vielen Dank!

  2. klugwurst schreibt:

    Einen solchen Kurs würde ich als Erwachsener für eine Zumutung halten. Warum nur meinen Politiker und Möchtegernpädagogen mit mittelalterlich anmutenden Methoden ihre Weltsicht Kindern zumuten zu müssen. Eltern werden schon gar nicht gefragt, da diese ihre Kinder vor solchen Methoden schützen müssen.

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