Ein Sommertag voll wunderbarer Dinge

Manchmal ist es gut, wenn das Fahrrad nicht greifbar und ein Fahrschein gerade heute nicht kaufbar ist. Das nämlich ließ mich von Friedenau zum Regierungsviertel zu Fuß gehen und knapp zwei Stunden später wieder zurück – zusammen etwa dreieinhalb Stunden. (Grund war eine Aktion der Lebensschützerbewegung – ich werde darüber demnächst berichten.) Ich habe dabei gemerkt, daß meine Stubenhockerei mich noch nicht hat einrosten lassen – es war einfach herrlich, durch Stadt und Tiergarten zu wandern. Sollte ich öfter machen.

Unmittelbar danach begann meine Arbeit im Pflegeheim – noch einmal vier Stunden, die heute ganz besonders erfreulich waren.
Das mag die gute Nachwirkung vom gestrigen Konzert des evangelischen Kirchenchores sein. Der Chor sang schöne und bekannte Lieder – Geh aus, mein Herz und andere Sommerlieder, das erste und ein weiteres zum Mitsingen. Zu meinen Seiten saßen zwei Männer; beide kann man nicht allein lassen, weil sie als sehr unruhige Geister sonst weggehen und sich auf keine Weise zurechtfinden können. Beide sind traurige Menschen, denen die Welt verlorengegangen ist. Beide waren während des Konzerts und noch einige Zeit danach äußerst ruhig und gelassen. Der zweite summte alle Melodien mit.

Heute kam einer gleich bei meiner Ankunft kam ein Mann auf mich zu, bei dem niemand weiß, wie man ihn für irgendetwas begeistern kann – ein sehr unruhiger Geist, der den halben Tag lang auf und ab geht und sich in der Welt überhaupt nicht mehr auskennt. Mit seinem gewohnten ernsten Gesichtsausdruck sagte er zu mir: “Wenn ich Sie sehe, muß ich lächeln.” Auch der andere war ungewöhnlich ruhig und lächelte mich an.

In der Literaturstunde las ich drei Geschichten von Patricia Koelle, die sehr gut ankamen – eine Bewohnerin bat mich, ihr das Buch zu besorgen. (Das werde ich tun; es ist zwar vergriffen, da es aus meinem untergegangenen Verlag stammt, und ich habe nur noch ein Exemplar, aber mit Sicherheit ist es antiquarisch noch zu haben.)

Abends ging ich nach kurzer Ruhepause zur Probe der Berliner Choralschola – auch das war wieder einmal sehr erfreulich.

Ein Blick in den Vorgarten ist ebenfalls wunderschön. Ich bin sehr dankbar für diesen Tag.

Akeleisamen
Akeleisamen

Margeriten
Margeriten

Staudensonnenblume
Staudensonnenblume

Phlox
Phlox

Nelken
Nelke

Hortensie
Hortensie

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Sexistische Arschlöcher wie ich

Ja, das ist Jutta Ditfurths in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur am 29. Juni 2015 verwendete Bezeichnung für Abtreibungsgegner. Also auch für mich.
Um meinem Ruf gerecht zu werden, stelle ich hier den Podcast vor. Über jedem Absatz steht die Zeitangabe im Podcast und ein Zitat.

00:39

Die organisierten Abtreibungsgegner beklagen sich, daß es 100.000 Abtreibungen im Jahr gibt. Darüber muß man sich nicht beklagen.

Frau Ditfurth spricht von “ungefähr zwanzig Millionen Frauen in diesem Land, die im sogenannten gebärfähigen Alter sind”. “Sogenannt” ist im modernen Sprachgebrauch der Hinweis darauf, daß das Folgende falsch, schlecht oder anrüchig ist, eben nur so genannt, nicht wirklich so. Die sachliche Feststellung über die Anzahl von Frauen nach der Pubertät und vor dem Klimakterium kann rechnerisch richtig oder falsch sein (ich halte die genannte Zahl aufgrund einer Statistik über die Altersstruktur in Deutschland im Jahr 2013 für ungefähr richtig). Die Feststellung, daß es eine bestimmte Größenordnung gebärfähiger Frauen gibt, kann aber nicht moralisch verwerflich, anrüchig oder chauvinistisch sein. Sie entzieht sich der moralischen Beurteilung. Damit ist “sogenannt” hier ein unsinniges Wort.
Die Verwendung von Wörtern wird im Lauf des Interviews nicht logischer.
Daß 100.000 Abtreibungen im Jahr manchem beklagenswert erscheinen, wischt sie mit einem “muss nicht” beiseite, um dann zu erklären, es seien zu wenig Abtreibungen gemessen an der Zahl der ungewollt schwangeren Frauen. Daß eine Frau ihr zunächst ungewolltes Kind behält, weil sie es dann doch will, gesteht Ditfurth zwar als Möglichkeit zu, sieht aber Zwang und Druck als weit mächtigere Gründe. Daß es bei dem Verbot der Kindstötung zu jedem Zeitpunkt des kindlichen Lebens um den Schutz eben dieses Lebens geht, ist ihr deutlich – und sie findet das eindeutig schlecht. Sie zitiert § 219 (1) wie folgt: “Die Beratung dient nicht etwa der Frau, sondern dem Schutz des ungeborenen Lebens”.
Wörtlich heißt es: “Die Beratung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens”. “Nicht dem Schutz der Frau” ist Frau Ditfurths Interpretation. Ob es dem Schutz der Frau dient oder nicht, die Tötung eines in ihr wachsenden Menschen unter bestimmten Umständen zu gestatten oder nicht, möge jeder für sich herausfinden.

02:31

… die vielleicht auch in irgendwelchen – egal jetzt welche Religion – religiösen Kontexten leben, aufwachsen und von ihnen beeinflusst werden, daß die einfach keine Möglichkeit finden, ihre sexuelle Selbstbestimmung auszuüben…

Es gibt keine hundertprozentig sichere Verhütungsmethode. Aber für Ditfurth ist die sexuelle Selbstbestimmung offenbar gleichbedeutend mit Sex haben, wann immer man will, mit wem man will, ohne irgendwelche Gedanken an persönliche Fähigkeiten und Möglichkeiten zu verschwenden. So wird aus der Selbstbestimmung (ich bestimme, mit wem ich überhaupt in Erwägung ziehe, ins Bett zu gehen) über die Selbstermächtigung (ich bestimme, mit wem ich ins Bett gehe, egal wie die Umstände sind) die Selbstherrlichkeit (ich entscheide, ob ein Kind lebt oder stirbt). Ich will jetzt kein Kind und trotzdem mit dem Mann, den ich mag, schlafen heißt: Ich will weitgehende Konsequenzen nicht in Erwägung ziehen und trotzdem etwas tun, das grundsätzlich darauf ausgerichtet ist, weitgehende Konsequenzen zu haben.
Ditfurth traut religiösen Menschen sexuelle Selbstbestimmung, Leidenschaft und ein lustvolles Sexualleben nicht zu. Hier kann ich sie beruhigen. Es ist äußerst lustvoll, ohne einen Gedanken an die Qualität des Gummis, die Bekömmlichkeit der Pille oder den richtigen Sitz des Pessars mit einem von Herzen und in vollkommener Ehrlichkeit geliebten Menschen Sex zu haben. Andererseits ist es der Liebe nicht abträglich, es einfach mal seinzulassen, weil gerade jetzt eine Schwangerschaft ungelegen käme.

03:42

Also, wenn man sich in der Geschichte des Abtreibungsparagraphen seit der Weimarer Republik, den zwanziger Jahren, der Nazizeit und so weiter auskennt, dann war das immer ein verfluchter Paragraph.

Die KPD forderte in der Weimarer Republik die Abschaffung des § 218, weil Arbeiterfamilien spätestens mit dem dritten Kind fast unweigerlich verarmten. Damit wurde nicht die soziale Ungerechtigkeit bekämpft, nicht auf Lohngerechtigkeit und menschenwürdige Arbeitsplätze gedrängt, sondern dem Kind der Schwarze Peter zugeschoben. Bei einer Abtreibung aus Armut wird nicht der Grund für die Armut beseitigt, sondern der Hauptleidtragende der Armut.
Jeder Mensch ist vor ungerechtfertigter Gewalt zu schützen. Das gilt selbstverständlich auch für den Menschen vor der Geburt. Die Verpflichtung zur Beratung ist ein Versuch, erwogene oder schon geplante Tötungen zu verhindern. Daran kann ich nichts Schlechtes finden. Es gibt hochgelobte Projekte, gewaltbereiten oder bereits straffällig gewordenen Menschen beratend und begleitend neue Wege zu zeigen. Wenn es bei den möglichen oder tatsächlichen Opfern von Gewalt um Menschen vor der Geburt geht, soll das auf einmal nicht fortschrittlich, sondern rückwärtsgewandt sein?
In der Tat ist ungeborenes Leben ein sentimental angehauchter, weil redundanter Begriff. Daß es Leben ist, ergibt sich aus dem Wort ungeboren von selbst – ich ziehe den Ausdruck “das Ungeborene” vor. Es ist andererseits aus Gründen der raschen Verständlichkeit nicht sinnvoll, alle Stadien von Empfängnis bis Geburt einzeln zu benennen, wenn es um Schutzwürdigkeit geht. “Der Schutz von Blastozyten, Morulae, Embryonen und Föten” ist kein griffiger Ausdruck. Genau darum geht es aber in der Diskussion, und zwar unabhängig davon, wie man zu diesem Schutz steht.
Und in der Tat geht es in § 218 nicht vorrangig um die Mutter, sondern vorrangig um das Kind. Es geht auch nicht um Väter, Geschwister, Nachbarn oder den Tierschutz – sondern um Ungeborene. Für andere gibt es weitere Gesetze.

04:58

… Und unheimlich interessant fand ich, daß es [das Leben] nie beim Mann beginnt, sondern immer erst dann im Körper der Frau, das war das Böse, durch die Kirche.

Eine Eizelle (DNA der Frau) allein ist kein Mensch. Ein Spermium (DNA des Mannes) allein ist kein Mensch. Sie sind einzeln auch nicht entwicklungsfähig. Ein Mensch entsteht bei der Befruchtung – und logischerweise kann er vor seinem Entstehen auch nicht zu Tode gebracht werden.
Die Kirche hat das schon lange vor der modernen Biologie klar gesehen. Menschliches Leben beginnt im Mutterleib – damit hat die Frau nach kirchlicher Auffassung eine Würde, die kein Mann erlangen kann. Man muss nicht einmal gläubig sein, um die Vorstellung, Gott habe im Leib einer Frau gewohnt und sei von ihr geboren und gestillt und gewindelt worden, äußerst frauenfreundlich zu finden.
Was Frau Ditfurth über “Kirchenfürsten” zum besten gibt (Kirchenfürst! Allein schon!), ist bestenfalls pubertäre Pöbelei, auf die es nicht lohnt, näher einzugehen.

06:06

Aber diese Formulierung, “Die Beratung dient nicht dem Schutz der Frau, sondern dem des ungeborenen Lebens”, ist eine Giftquelle.

Was giftig sein soll daran, einen Menschen vom ersten Augenblick seines Lebens an zu schützen und das auch deutlich zu sagen, kann ich nicht verstehen.

06:55

… daß diese Verengung auf “das eine bringt das Glück und ist das Maß aller Dinge” ganz schrecklich ist.

Hier unterstellt Frau Ditfurth, die Kirche oder die Lebensschutzbewegung oder der Staat (um diese drei ging es bisher) sehe als Maß aller Dinge und einzige Möglichkeit zum Glück die Familiengründung. Das stimmt für keinen der genannten. Für alle drei gilt: Es gibt verschiedene Lebensmodelle, die gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Davon wird die unbedingte Schutzwürdigkeit jedes Menschen (auch des kleinsten) nicht berührt.

07:26

Ditfurth:Und ich finde es eine Unverschämtheit, daß Frauen so entmündigt werden, daß man glaubt, es bricht jetzt die abtreibende Hölle aus, wenn man ihnen dieses Selbstbestimmungsrecht tatsächlich zuspricht.

Angenommen, man würde ab morgen Gewalttaten aller Art legalisieren. Vermutlich würde daraufhin nicht eine Hölle von Mord und Totschlag ausbrechen – oder zumindest keine schlimmere, als wir schon haben. Denn tatsächlich ist die abschreckende Wirkung von Strafen großenteils Einbildung. Dennoch finde ich es richtig, die Beseitigung von Menschen unter Strafe zu stellen.

… solche sexistischen Arschlöcher können sich dann auch auf den § 219 beziehen. Das ist meine Sorge.

Frau Ditfurth, Sie haben mich gerade “sexistisches Arschloch” genannt. Ich bin aber nur eine Verhütungspanne. Übrigens eine mit wundervollen Eltern.
Wie ich Sie in schwachen Momenten in Gedanken bezeichne, werde ich nicht Ihnen sagen – sondern meinem Beichtvater.

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Vivant Fugger et Fischer!

Kürzlich habe ich mich über einen Binnenreim in einem wunderschönen Lied ausgelassen.

Ich schrieb:

Dieser alberne Binnenreim ist historisch. Er steht so in: Angelus Silesius, Heilige Seelen-Lust oder Geistliche Hirtenlieder, Ausgabe von 1668. Das haben die Breslauer Herausgeber Michael Fischer und Dominik Fugger zu verantworten. (Mögen sie dennoch in Frieden ruhen.)

Aber die Domini Fugger und Fischer sind nicht Breslauer Herausgeber des 17. Jhs., sondern stehen derzeit im Sold der Universität Erfurt und haben dankenswerterweise eine Faksimileausgabe, also photomechanischen Nachdruck, der Heiligen Seelenlust erstellt. Herr Fugger machte mich hierauf aufmerksam und findet es zu Recht und in vornehmer Untertreibung “etwas mißlich, öffentlich für tot erklärt zu werden”.

Auch wenn der Rest meines Artikels so stehenbleiben kann, meine Todeserklärung zweier lebender Menschen tut mir aufrichtig Leid, und ich bitte die beiden Gelehrten von Herzen um Verzeihung. Mögen sie dieser Welt noch lange erhalten bleiben!

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Lena im Schlafzimmer

Unter dem Stuhl sitzt es sich gut. (Besser als unter dem blauen Hocker. Bestimmt. Sie hat es mehrfach ausprobiert.) Aber irgendwann will man dann auch mal ins Bett, so als Katze!

Katze
Katze
Katze

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Zwölf Jahre danach

Am 26. Juni 2003 starb mein Vater Martin.
Von ihm habe ich das Dichten gelernt. Seine vielen Gedichte habe ich nach seinem Tod in meinem nur ganz kurz bestehenden Sperlich Verlag Berlin herausgegeben.
Für ihn habe ich zu seinen Lebzeiten einige Gelegenheitsgedichte geschrieben, nach seinem Tod zwei, die wirklich etwas taugen.

Splitter

Warum er in jenen Minuten
auf jenem Quadratmeter war,
da die Granate barst
und ihre Splitter
in sein Bein schleuderte
(als Mädchen glaubte ich,
blaugrüne Narben und Hinkebein
seien bei Männern gewöhnlich),
hat er mir nie erzählt,
auch nicht den Brüdern, doch
meiner Mutter einmal.

Von ihr weiß ich:
Ein anderer hatte gelegen
an jener Stelle,
und er versuchte,
ihn wegzubringen –
nicht in Sicherheit,
die gab es nicht,
aber doch wenigstens
in einen Graben mit Feldarzt.

Er hat damit nie geprahlt –
vielleicht, weil ihm Pflichttun
kein Grund zum Prahlen war;
vielleicht, weil ihm grausig
vor Augen stand, welchem
Unheil er beigestanden
in jenem Krieg.

Von ihm weiß ich nur
(ich fragte ihn einmal),
daß die Granatsplitter
schlugen durch schmutzstarre Hosen,
daß er im Dreck lag,
eine Nacht lang,
dann im Lazarett,
das Bein eine ekle Walze,
und daß sein Glück war
ein Arzt, der nicht schnitt
und Morphium gab.

© Claudia Sperlich

und

Vater

Wir gingen abends oft zum Automaten.
Laternen warfen ihre gelben Scheiben
aufs Pflaster, und mein Schatten wollt nicht bleiben –
ich staunte, daß wir niemals auf ihn traten.

In deiner Hand war sehr viel Raum für meine.
Im Wechsel schwer und leicht erklang dein Gehen,
und wenn ich rannte, bliebst du manchmal stehen –
dein Hinken wartete auf kurze Beine.

Du gabst mir Antwort auf die schwersten Fragen
und zeigtest mir den Großen Himmelswagen,
und manchmal rezitiertest du Gedichte.

Dann stecktest du die Schachtel Filterlose
bedächtig in die Tasche deiner Hose –
dann gings nach Haus zur Gutenachtgeschichte.

© Claudia Sperlich

Ihm und meiner Mutter hatte ich, als sie beide schon alt waren, meine Übersetzung eines Gedichtes von Jean Richepin gewidmet.

Zyklus: Meine Paradiese/Mes Paradis

Ich kenne zwei Alte, die sagen, „Ich liebe dich“, heute
so wie in den Tagen der singenden Jugend des Frühlings:
Ihr Leben ist über dies schlichte Motiv eine Fuge.
Sie konnten dies Thema wohl hundertmal variieren
mit himmlischen Flöten und schmetternden Hörnern der Orgel,
und gingen durch Dur und durch Moll und durch allerlei Rhythmen.
Die Noten des Frühlings sind immer von Neuem erklungen.
Zwar ist das Allegro der Küsse vorbei und vergangen…
es klingt das Andante mit letzten Modulationen!
Doch wieder erklingt das Motiv in Akkorden des Friedens.

© Claudia Sperlich

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Sonderbarer Umgang mit Liedern

Unter der Nummer 358 im katholischen Gesangbuch Gotteslob findet man ein überschwengliches Liebeslied an Jesus. Erste, zweite und letzte Strophe beginnen mit den Worten Ich will dich lieben. Der Autor, Angelus Silesius, mag nicht der größte Barockdichter sein – zu den innigsten gehört er sicher, und dies Lied hat einen festen Platz nicht nur im Gotteslob, sondern auch in meinem Herzen – eine Liebe, die ich mit Josef Bordat teile.
Es ist üblich und berechtigt, alte Kirchenlieder behutsam der sprachlichen Entwicklung anzupassen. Dabei wird allerdings zuweilen über das Ziel hinausgeschossen auf Kosten der sprachlichen Schönheit. (So stand im alten Gotteslob das Adventslied Macht hoch die Tür noch mit dem Vers Ach zeuch mit deiner Gnade ein – darunter eine Fußnote: “zeuch” ist eine alte Form von “zieh”. Man traute der Gemeinde zu, das zu verstehen. Im neuen Gotteslob, Liednummer 218, steht Ach zieh mit deiner Gnade ein – und dem Lied ist ein Stück seines anrührenden Zaubers genommen.)

Auch Angelus Silesius blieb von der Zurechtstutzung nicht bewahrt.

Im alten Gotteslob steht dieser Text:

1
Ich will dich lieben, meine Stärke,
ich will dich lieben, meine Zier,
ich will dich lieben mit dem Werke
und immerwährender Begier;
ich will dich lieben, schönstes Licht,
bis mir das Herze bricht.

2
Ich will dich lieben, o mein Leben,
als meinen allerbesten Freund;
ich will dich lieben und erheben,
solange mich dein Glanz bescheint;
ich will dich lieben, Gottes Lamm,
als meinen Bräutigam.

3
Ach, dass ich dich so spät erkannte,
du hochgelobte Schönheit du,
dass ich nicht eher mein dich nannte,
du höchstes Gut und wahre Ruh;
es ist mir leid, ich bin betrübt,
dass ich so spät geliebt.

4
Ich lief verirrt und war verblendet,
ich suchte dich und fand dich nicht;
ich hatte mich von dir gewendet
und liebte das geschaffne Licht.
Nun aber ist’s durch dich geschehn,
dass ich dich hab ersehn.

5
Ich danke dir, du wahre Sonne,
dass mir dein Glanz hat Licht gebracht;
ich danke dir, du Himmelswonne,
dass du mich froh und frei gemacht;
ich danke dir, du güldner Mund,
dass du mich machst gesund.

6
Erhalte mich auf deinen Stegen
und lass mich nicht mehr irregehn;
lass meinen Fuß in deinen Wegen
nicht straucheln oder stillestehn;
erleucht mir Leib und Seele ganz,
du starker Himmelsglanz.

7
Ich will dich lieben, meine Krone,
ich will dich lieben, meinen Gott,
ich will dich lieben sonder Lohne
auch in der allergrößten Not;
ich will dich lieben, schönstes Licht,
bis mir das Herze bricht.

Das 1657 entstandene Original lautet:

Sie [die Seele, C.S.] verspricht sich jhn biß in Tod zu lieben.

1
ICh wil dich lieben meine Stärcke /
ich wil dich lieben meine Zier /
Ich wil dich lieben mit dem Wercke /
Und jmmerwehrender Begier:
Ich wil dich lieben schönstes Licht
Biß mir das Hertze bricht.

2
Ich wil dich lieben O mein Leben
Als meinen allerbesten Freund;
Ich wil dich lieben und erheben /
So lange mich dein Glantz bescheint.
Ich wil dich lieben Gottes Lamm
Als meinen Bräutigam.

3
Ach daß ich dich so spät erkennet /
Du Hochgelobte Schönheit du!
Und dich nicht eher mein genennet /
Du höchstes Gut und wahre Ruh!
Es ist mir leid und bin betrübt /
Daß ich so spät geliebt.

4
Ich lieff verirrt und war verblendet /
Ich suchte dich und fand dich nicht;
Ich hatte mich von dir gewendet
Und liebte das geschaffne Licht;
Nu aber ists durch dich geschehn
Daß ich dich hab ersehn.

5
Ich dancke dir du wahre Sonne
Daß mir dein Glantz hat Licht gebracht:
Ich dancke dir du Himmels-Wonne /
Daß du mich froh und frey gemacht:
Ich dancke dir du güldner Mund /
Daß du mich machst gesund.

6
Erhalte mich auff deinen Stegen /
Und laß mich nicht mehr jrre gehn;
Laß meinen Fuß in deinen Wegen
Nicht straucheln oder stille stehn:
Erleucht mir Leib’ und Seele gantz
Du starcker Himmels-Glantz.

7
Gib meinen Augen süsse Thränen /
Gib meinem Hertzen keusche Brunst;
Laß meine Seele sich gewöhnen
Zu üben in der Liebe-Kunst:
Laß meinen Sinn / Geist und Verstand /
Stäts seyn zu dir gewand.

8
Ich wil dich lieben meine Krone /
Ich will dich lieben meinen GOTT;
Ich wil dich lieben sonder Lohne
Auch in der allergrößten Noth;
Ich wil dich lieben schönstes Licht /
Biß mir das Hertze bricht.

Daß die siebente Strophe des Originals in Gesangbüchern unserer Zeit nicht mehr steht, kann ich ein bißchen verstehen; man hätte hier zu viel sprachliche Entwicklung erklären müssen, und ein Gesangbuch soll ja kein sprachwissenschaftlicher Aufsatz sein. Es lohnt allerdings, diese Strophe zu lesen. Es geht Angelus Silesius darum, weinen zu können, weil er Gott nicht so nah ist, wie er gerne wäre, und eine von Egoismus freie, ausschließliche und unbedingte Liebe zu Jesus zu entwickeln. Ich teile diesen Wunsch.

Auch die sprachliche Anpassung der dritten Strophe (erkannte/nannte statt erkennet/genennet) ist sinnvoll; trotz meiner oben bekannten Vorliebe für alte Verbformen ertrage ich diese Änderung ohne Verrenkung.

Die letzte Strophe des Liedes lautet im neuen Gotteslob (Hervorhebung von mir):

Ich will dich lieben, meine Krone,
ich will dich lieben, meinen Gott,
ich will dich lieben ohne Lohne
auch in der allergrößten Not;
ich will dich lieben, schönstes Licht,
bis mir das Herze bricht.

Ohne Lohne! Ich muß doch sehr bitten! Es klingt furchtbar.
Ein wenig Recherche ergab: Dieser alberne Binnenreim ist historisch. Er steht so in: Angelus Silesius, Heilige Seelen-Lust oder Geistliche Hirtenlieder, Ausgabe von 1668. Das haben die Breslauer Herausgeber Michael Fischer und Dominik Fugger zu verantworten. (Mögen sie dennoch in Frieden ruhen.)
Aber die schöne Formulierung

Ich wil dich lieben sonder Lohne

steht, wie gesagt, im Original, an das sich sowohl das alte Gotteslob als auch andere katholische und evangelische Gesangbücher unserer Zeit hielten. Der einzige Grund, die vielleicht durch Unachtsamkeit entstandene sonder-bare Änderung wieder aufzunehmen, ist die sprachliche Üblichkeit. Sonder Änderung wäre es nicht ohne. Aber kann man Gottesdienstbesuchern wirklich nicht zumuten, dies zu verstehen?

Ich will dich lieben, meine Krone,
ich will dich lieben, meinen Gott,
ich will dich lieben sonder¹ Lohne
auch in der allergrößten Not;
ich will dich lieben, schönstes Licht,
bis mir das Herze bricht.

¹ sonder ist ein altes Wort für ohne.

Wenn ich einem Menschen zutraue, an einen Gott in drei Personen zu glauben, der sich ihm durch das Sakrament des Altars in Form von Brot ausliefert, um ihn für Zeit und Ewigkeit zu stärken, dann kann ich ihm auch zutrauen, die alte Bedeutung des Wörtchens sonder zu verstehen.

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Offiziell ist Sommer!

Mit Sommerblumen auf dem Balkon und anderswo, und natürlich mit dem Heiligen Johannes, dem Rufer in der Wüste (oder meinetwegen, dem Rufer im Regen). Ich jedenfalls sage: Es ist Sommer, und daran kann das bißchen Kälte und Nässe gar nichts ändern.
Ich meine – Kornblumen! Gibt es etwas Sommerlicheres?

Kornblumen
Kornblume

Und die ersten welken bereits – wobei ich immer wieder spannend finde, daß sie dabei erbleichen.

Welkende Kornblume
Kornblumen und Hornveilchen

Wohl fühlen sich auch noch Koriander und ein anderes weißes Blümchen,

KorianderBalkonblume

ein gelber Korbblütler

Balkonblume

und die Kapuzinerkresse, deren Blüten leider kurzlebig sind; dafür kommt aber lange Zeit immer eine nach der anderen.

Kapuzinerkresse
Kapuzinerkresse

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Graureiher im Pflegeheim

Zu dem Pflegeheim, wo ich als Betreuerin helfe, gehört ein Garten und ein kleiner Fischteich. Der Teich ist für diesen Gast so etwas wie eine Imbißbude. So war es zwar nicht gemeint, aber dennoch – willkommen, Graureiher!

Graureiher
Graureiher
Graureiher
Graureiher

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Für schöne Bilder

… mußte eine neue Kamera her, eine ohne Objektivfehler. Über ein international renommiertes Auktionshaus – also, über ebay, bekam ich für sehr günstig eine neuwertige mit irgendeinem mir nicht sichtbaren Materialfehler.
Heute wurde das gute Stück eingeweiht.

Unterwegs guckte mich ein Baumstumpf groß an.

Baumstumpf mit Gesicht

Und dann waren da noch die Nachbargärten.

Fingerhut
Sommerliches Beet
DahlieRose
Lavendel
Hortensien und RosenRosen

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Lena am Computer

Wenn ich am Computer sitze und Lena streift mir laut mauzend um die Beine und weicht immer aus, wenn ich sie streicheln will, und wenn ich sie dann am Schlafittchen nehme und mir auf die Oberschenkel lege, dann ist sie zufrieden, dann hat sie erreicht, was sie wollte.
Ich habe nie verstanden, warum sie nicht einfach sagt, was sie will, und sich ohne Aufhebens aufheben läßt. Sie will das doch selber.
Sie hilft mir übrigens gerade bei einem Absatz aus dem Hoheliedkommentar des Origenes. Finde ich freundlich von ihr.

Katze bei der Arbeit
Katze bei der Arbeit
katze bei der Arbeit
Katze bei der Arbeit

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